Presse
30.05.12
hamburger wirtschaft

Fliegendes Arbeitszimmer

Wer einmal in einem Privatjet mitgeflogen ist, der wird sich nie wieder in einen Linienflieger setzen wollen. Denn im Privatflugzeug ist das Reisen unkompliziert, entspannt – und auch ziemlich exklusiv.

Der Spaß am Fliegen endet für mich meist schon beim Anblick der viel zu engen Sitzreihen. Daher freut es mich umso mehr, zu sehen, dass die Worte „Flugzeug“ und „Platz“ doch nicht unbedingt einen Widerspruch darstellen. Zumindest nicht im Privatjet. Auf dem Flug von Hamburg nach Sylt macht mir niemand die Armlehnen streitig. Und dann ist da noch die ungewohnte Beinfreiheit. Wie es sich anfühlt, nicht bei jeder Bewegung gegen den Vordersitz zu stoßen, hatte ich fast schon vergessen. Da sind die 30 Minuten, die der Flug von der Hansestadt auf die Nordseeinsel dauert, fast zu kurz, um den Komfort richtig genießen zu können.

Flughafen Hamburg, 8 Uhr morgens. Während sich Geschäftsreisende und Urlauber ein paar 100 Meter weiter am Check-in-Schalter und an der Sicherheitskontrolle anstellen, betrete ich 30 Minuten vor meinem Abflug das Geschäftsfliegerzentrum, dass zwischen der Lufthansa Basis und Parkplätzen liegt. „Ihr Jet geht erst in 30 Minuten?“, versichert sich der Sicherheitsbeamte. „Da können Sie sich glatt noch einmal schlafen legen.“ Am Flughafen nebenan wäre mein Flieger jetzt vermutlich schon unerreichbar. Aber meine bisherigen Flughafenerfahrungen haben mit alledem hier nicht viel zu tun. Was mir auffällt: Im Geschäftsfliegerzentrum ist es vollkommen ruhig. Bei durchschnittlich 50 Starts und Landungen pro Tag verwundert das nicht. Zum Vergleich: Am Flughafen nebenan gab es 2011 im Schnitt 433 Starts und Landungen täglich. Die Ankunft zehn Minuten vor dem Abflug ist normal, und so etwas wie einen Check-in suche ich vergeblich. Stattdessen befindet sich direkt am Eingang die Sicherheitsschleuse. Dahinter wartet auf mich eine Lounge mit schwarzen Ledersofas und Blick auf das nur zehn Schritte entfernte Vorfeld. Soeben rollt eine Cessna Citation 525 aus einem Hangar und wird anschließend von den Piloten Thomas Schräder und Philipp Ecke vorbereitet. In wenigen Minuten wird sie mich mit bis zu 700 Stundenkilometern nach Sylt bringen. Eine Tankfüllung reicht theoretisch für 2 000 Kilometer, was in etwa der Strecke von Hamburg nach Moskau entspricht. Doch laut europäischer Flugsicherung Eurocontrol ist die Hälfte der täglich rund 1 660 Geschäftsflüge in Europa kürzer als 500 Kilometer.

„Beim Einstieg nicht vergessen, den Kopf einzuziehen“, warnt mich Philipp Ecke, als ich vor der kleinen Gangway stehe. Schließlich ist die Kabine nur 1,45 Meter hoch, in etwa ebenso breit und gut 3,35 Meter lang. Der Innenraum hat Ähnlichkeit mit einer Limousine. In der Cessna finden neben den beiden Piloten bis zu fünf weitere Personen auf hellen Ledersesseln Platz. Die Tische sind noch hochgeklappt, die Gurte ansprechend auf den Sitzen drapiert, das Wasser steht bereit, und auch die Box mit dem Frühstück und die Tageszeitungen sind griffbereit verstaut. Das „fliegende Wohnzimmer“, das ich mir vorgestellt hatte, ist das nicht. In meiner (scheinbar viel zu stark) von Hollywood geprägten Fantasie sah alles deutlich größer aus.

„Das brauchen unsere Kunden alles gar nicht“,sagt Floris Helmers, Geschäftsführer von Air Hamburg. Gemeinsam mit Alexander Lipsky betreibt er seit 2001 die FLUGSCHULE HAMBURG. Im Jahr 2003 haben die beiden ihr Angebot um Hamburg-Rundflüge und Linienflüge zu den Nordsee inseln erweitert, 2005 schließlich auch um Charterflüge in Privatjets. Zehn Jets mit fünf bis neun Sitzen sind am Hamburger Flughafen stationiert. Damit fliegen Helmers und Lipsky Ziele in Europa, Nordafrika und den Arabischen Emiraten an. Gebucht werden die Flüge entweder direkt bei AIR HAMBURG oder über Makler, die weltweit Kontingente von Privatjets vermarkten. Ist der Abflugort Hamburg, vergehen vom Auftragseingang bis zum Start maximal zwei Stunden. Wer die Passagiere in der Regel sind, verrät Helmers nicht. Nur so viel: Die Mehrheit sind Businesskunden. Was diese an Geschäftsreisen im Privatjet schätzen, weiß der 38-Jährige, der wie die meisten seiner rund 60 Mitarbeiter Berufspilot ist, ganz genau: Ein Privatjet bietet Flexibilität bei der Abflugzeit, die Reiseroute ist frei wählbar – und geflogen wird immer direkt. An Bord können die Geschäftsleute ungestört arbeiten und dank der Privatsphäre auch über vertrauliche Angelegenheiten sprechen. Zudem können die Piloten Flughäfen ansteuern, die außerhalb des Liniennetzes der großen Airlines liegen. Bei Reisen im Privatflugzeug ist alles auf eine größtmögliche Zeitersparnis ausgerichtet. Keine Wartezeiten an Sicherheitskontrolle und Gepäckausgabe, keine Verspätungen und keine Zwischenstopps: Die verkürzte Reisezeit, die auch noch produktiv genutzt werden kann, ist laut einer Umfrage der Zeitschrift „Avi ation International News“ für 77 Prozent der befragten Unternehmen der Hauptgrund für die Privatjetnutzung. All das hat seinen Preis. Laut „Handelsblatt“ kostet eine Flugstunde im gecharterten Jet rund 2 500 Euro – Start- und Landegebühren kosten extra. Je nach Ziel und Anzahl der Passagiere kann eine Geschäftsreise im Privatjet preislich aber auch mit einem Linienflug mithalten. Das macht eine Beispielrechnung von AIR HAMBURG deutlich: Sieben Mitarbeiter einer Firma, die von Hamburg aus ins britische Norwich fliegen, zahlen für den Linienflug in der Businessclass zusammen rund 8 400 Euro, für einen Flug mit dem Privatjet 7 500 Euro. Letzterer dauert etwas mehr als zwei Stunden, bei der Linie müssen die Geschäftsleute inklusive Umsteigen fast sieben Stunden einkalkulieren.

Kaum sitze ich angeschnallt in der Cessna, ist die Tür auch schon verriegelt. Die beiden Triebwerke starten, und es geht los. Während ich das verregnete Hamburg verlasse, genieße ich den Komfort, den ich in Billigfliegern künftig noch schmerzlicher vermissen werde. Gerade als ich mich an die Beinfreiheit gewöhnt habe, taucht Sylt vor uns auf. Das graue X, dass Start- und Landebahn formen, ist schon von Weitem zu erkennen. Der Flughafen – es ist der nördlichste Deutschlands – liegt im Zentrum der Insel, zwei Kilometer östlich von Westerland. Bereits seit 1919 ist er in Betrieb. Nach der Landung dauert es keine fünf Minuten, bis ich das Gebäude samt Gepäck verlassen habe. Fühlt sich das Fliegen im Privatjet nun anders an? Das war wohl die meistgestellte Frage in den Tagen danach. Das Fliegen selbst nicht, aber das gesamte Drumherum ist irgendwie anders. Es macht das Reisen im Privatjet zur wohl bequemsten und unkompliziertesten Art des Fliegens.

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